1977 hat Butjatha, anlässlich der documenta 6 in Kassel, das Buch Friesischer Wikinger Butjatha - Geschichten - Originalgetreu herausgegeben. |
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| In der Nordwest-Zeitung erschien damals eine Buchbesprechung von Jürgen Weichardt, der ist bis heute nichts hinzuzufügen. Butjathas Geschichten Kein Artist in Oldenburg hat in so kurzer Zeit - zwei Jahre - so viel Aufsehen erregt wie der "Friesische Wikinger Butjatha". Nun hat er sogar ein Buch gemacht, das mit einem Vorwort von keinem geringeren als Gerd Winkler, dem Fernseh - Kommentator von vielerlei Skurilität in der Kunst, versehen worden ist. Dieses Buch ist vieles zugleich: bibliophil durch Numerierung und Signatur; Sammlung von Zeichnungen und Geschichten; Ausweitung zu scheinbar visuell-konkreter Poesie; Zahlenspiel; Selbstdarstellung und Errichtung eines eigenen Mythos, schlicht-naive Biographie und Dickicht erfundener Motive; und stets doch auch die eigene Handschrift von Butjatha.
Mit seinem Buch fordert er in Texten und Bildern, in Show - Verhalten und Selbstdarstellung heraus, den Begriff "Kunst" in Hinblick auf seine Arbeiten wiederholt neu zu durchdenken. Gewiß ist Butjatha zunächst auf Anatols Spuren gewandert, gewiß hat er von ihm die entscheidende Starthilfe bekommen. Anatol ist ein Talent-Entdecker und Mutmacher; aber man muß schon frei schwimmen können, um weiterzukommen. Butjatha hat - das machen Buch, Texte und Zeichnungen immer wieder deutlich - die Beziehung zur Basis, zu den Quellen seines eigenen Lebens und zu seiner Umgebung und Umwelt nie verloren. Sie ist das Reservoir, aus dem er seine Kraft schöpft. Wenn er vom Alltag der Bauern und Fischern erzählt, von den hierarchischen Strukturen der ländlichen Gesellschaft, dann unpathetisch, fast beiläufig und meist aus der Perspektive seines Ichs, sei dieses nun fiktiv und real.So entsteht ein Gewebe aus realen Details, erfundenen Vorgängen, Gefühltem und Erdachtem, Erlebtem und Erinnertem und stets auch Reflektiertem. Dieses Gewebe ist der Nährboden für die individuelle Mythologie, die sich Butjatha zugelegt, genauer, die er sich entwickelt hat und die er in seinem Buch offenlegt. Aber im Gegensatz zu vielen künstlerischen Zeitgenossen, deren "individuelle Mythologien" - siehe documenta V - hermetisch, d. h. nicht nachvollziehbar blieben und ganz auf der Empfindungsebene basierten und einen hohen Grad eigener Sensibilität vom Betrachter und Teilnehmern verlangten, ist Butjathas Mythologie aufschlüsselbar, einsehbar, verständlich und damit gültiger: Das "Friesische" ist Bekenntnis zur Herkunft und zur Minderheit. Der Wikingerhelm wird zum individualisierenden Topos, wird zur Marke des Gegenkults zur Gesellschaft. Der Name erweitert diese mythologischen Ansätze um den Bereich des Mystischen; Jahreszahl und Langlebigkeit ist Ausdruck der Ewigkeitssehnsucht und zugleich Todesbewußtheit. Im übrigen: kann Butjatha schreiben? Er kann, und es macht Spaß, in seinem Buch zu lesen. |
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| LeseProbe | ||
| Nicht nur Hasen-Jagd | ||
Ganz komische Gefühle, seltsame Gefühle hatte man schon, denn irgendwie hatte sich das schon herumgesprochen, das war so etwas wie ein gewisses Jagdfieber hatte sich breitgemacht bei uns Jungs. Fürs Treiben gab es 5,- DM oder einen Hasen, das heißt, man mußte parallel, man mußte den Jägern das Wild zutreiben und anschließend mußten dann die Treiber, das waren wir, wir Jungs. Wir rasten dann durch die Gegend und sahen schon mal zu, daß wir unsere Hasen auch mal ein bißchen in den Graben fallen ließen, die Gegend kannten wir ja genaustens, jeder Pfahl und jeder Baum war uns ja bestens vertraut, denn wir kannten die ganze Umgebung 100 prozentig aus Erkundungen, sowie aus Streifzügen. Aber die mußten erst mal einen Hasen haben, die Jäger knallten auch mit dem größten Eifer in der Gegend rum, aber treffen, treffen ist eine andere Sache. Bei einer Jagd sitzen die Hasen fest und laufen nicht weg. Bleiben so lange sitzen, daß man schon fast drauftreten kann. Bei uns zu Hause gibt's ein Sprichwort, das heißt, man braucht einem Hasen nur Pfeffer auf den Schwanz zu streuen, unweigerlich muß nun der Hase fürchterlich niesen, aber dann immer noch in allergrößter Vorsicht von hinten gegen den Wind anschleichen. Das übrige bleibt dem Geschick eines jeden selbst überlassen. Wir bildeten eine lockere Reihe mit den Rufen: "Hos up, Hos up, Hos up" und jagten die Hasen und Fasanen auf. Das ging einen ganzen Nachmittag lang, immer wieder wurden neue Kreise gebildet, die Jäger waren natürlich nur am meckern: "Ihr müßt auch mal ein bißchen rufen. Nun ruft doch mal. Immer rufen. Hos up". War sowieso alles nicht richtig. Nie genug, immer war noch irgendwie etwas. Dann war man wieder zu weit auseinander, oder das Schlimmste was überhaupt passieren konnte, du hattest einen Hasen nicht gefunden und dann sagte der Jäger: "Du gehst jetzt sofort mal wieder nach hinten und guckst nochmal nach, da muß irgendwo noch ein Hase liegen".Bitteschön. Konnste sofort alles absuchen. Wo denn die Wiesen, so kann man durch ganz Ostfriesland durchmarschieren, um einen angeschossenen Hasen zu suchen, weil der Jäger meint, er hätte irgendwo was gesehen. Siehste, als Treiber 5,- DM den ganzen Nachmittag treiben, mußtest natürlich losrennen. Aha. Das wurde wiederum interessant für die Pläne, die allmählich festere Formen annahmen in Anbetracht der Jugend, oder besser im zarten Alter von 12 Jahren ist die Vorstellungskraft voll ausgereift und wartet nur so auf Entfaltung. Getrieben aus Wut, nicht minder durch die drückenden Stellen der Hasenleiber auf den jungen Rücken wuchsen ununterbrochen Phantasiegebilde. Dann sagte man schon: "Diese verfluchten Halunken. Die kriegste schon, dafür wird gesorgt". Es kam, wie es kommen mußte, die letzte Treibjagd, der letzte große Kessel. Diesmal blieben besonders viele Hasen auf der Strecke, ich mußte zwei Stück tragen, aber das hätten die Jäger sich lieber anders ausdenken sollen, denn zwei Hasen dem kleinen Butjatha, zwei Hasen ist natürlich der absoluteste Leichtsinn. Mit Adleraugen guckte ich mich in der Gegend herum nach ein Platz um, wo ein Hase im Nichts verschwindet, unauffällig, mit dem gleichgültigsten Gesicht der Welt ging es nun zum Graben. In diesem Graben lag noch ein Balken, sonst sind die Gräben immer ganz peinlich sauber gelotet. Nun war das große Glück da - der Balken war da. Die Gunst der Stunde wie von Götterhand dahingelangt. Irgendwo geht es immer weiter. Jetzt muß ich ja unauffälligerweise den Hasen in den Graben schmeißen, möglichst noch unter den Balken, unsichtbar für andere Augen, die Jäger waren ja auch nicht doof. ... |
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